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Archiv 2012

Veröffentlicht: 04.05.2012 Share it on Facebook


Schildkröten im Fokus, Bergheim 9 (2) 2012: 34–35

EU-ARK europäischer Interessenverband der Reptilienhalter oder Lobbyverband für den ungebremsten Handel mit Wildfängen?

Thomas & Sabine Vinke, Filadelfia, Paraguay


Im DGHT-Newsletter „Infopost“ feiert die DGHT euphorisch die Gründung des europäischen Interessenverbandes „European Amphibian and Reptile Keepers Association“ (EU-ARK). „Nach der Satzung ist der Verein eine Organisation, in der der Handel und Reptilienhalterinnen und -halter an einem Strang ziehen, denn es geht darum, in Brüssel die Stimme zu erheben gegen die radikalen, finanziell bestens ausgestatteten und gut vernetzten Tierrechteorganisationen und sich für den Erhalt der Terraristik in Europa einzusetzen“ (Mendt 2012).
Schon die Wortwahl im DGHT-Artikel, die wieder einmal das Schreckensgespenst der allmächtigen und radikalen Tierschützer heraufbeschwört, sollte den verantwortungsvollen Terrarianer skeptisch machen.
Ein Blick in die „Mission“ auf der Homepage der Vereinigung (EU-ARK o.J.) lässt Übles ahnen. Unter dem Punkt „Field Collection“, also „Wildfänge“ finden sich folgende Ziele:
Das bedeutet im Klartext eine völlige Umkehrung der aktuellen Praxis. Hier wird verlangt, dass jede Art als frei handelbar gilt, bis eine Gefährdung wissenschaftlich bewiesen ist. Da wirkt das Wort „nachhaltige Ernte“ wie Hohn, denn „Nachhaltigkeit“ verlangt genau das umgekehrte Verfahren, dass nämlich sichergestellt wird, dass kein Schaden angerichtet wird. Insbesondere verbirgt sich hinter dieser Forderung auch, dass berechtigte Zweifel an der Genehmigungspraxis bestimmter Länder nicht mehr zu Importstopps führen sollen (vgl. die europäische Einfuhraussetzungsverordnung), sondern der Ausverkauf fleißig weitergehen soll. Denn auch in dem Fall wird nicht grundsätzlich für jede einzelne Art ein wissenschaftliches Gutachten erstellt, sondern manchmal auch auf diplomatischer Ebene durch einen Importstopp Druck auf die Länder ausgeübt. Aus welcher Richtung der Wind weht, verbirgt sich auch in dem Ziel, dass die EU-ARK „besser herausstellen muss, dass aktuell Hunderte von Arten in lebensfähigen, sich selbst erhaltenden Populationen … als Artenschutzprojekt gehalten werden … und es nur einige wenige Arten gibt, die nicht dauerhaft mithilfe der Reptilienindustrie erfolgreich in Gefangenschaft gehalten werden können“ (EU-ARK o.J.).
Leider ist genau das Gegenteil wahr. Es gibt für annähernd alle Arten, die auf kommerziellen Farmen „gezüchtet“ werden, ausreichend Belege, dass es eben nicht funktioniert. Selbst Vorzeigeprojekte von gut vermehrbaren Arten, die man relativ preiswert ernähren kann, wie der Grüne Baumpython (Morelia viridis) haben sich als großangelegter Betrug mit einer Falschdeklaration von rund 80 % der „Nachzuchten“ herausgestellt (Lyons & Natusch 2011, Bidmon 2011). Die DGHT würdigte diese erschreckenden Erkenntnisse auf ihrer Homepage mit dem News-Eintrag: „Zuchtfarmen bedrohen Wildpopulationen“ (DGHT 2011). Die Liste der wissenschaftlichen Literatur zum Thema ist lang und sprengt den Rahmen dieses Kommentars. Wer sich mit dem Thema auseinandersetzen will, sollte sich in der aktuellen Literatur umsehen, bspw. Shi et al. 2007, Dakdouk 2009, Vinke & Vinke 2009, Nijman & Shepherd 2010, Lyons & Natusch 2011, Nijman & Shepherd 2011, Vinke & Vinke 2012 sowie die jeweils dort aufgeführten Referenzen. Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig, berücksichtigt aber ein weitgefächertes Repertoire an Reptilien und Amphibien sowie Handels- und Ursprungsländern.
Zurück zur EU-ARK: Die Zielrichtung hin zum ungebremsten Handel ist wenig verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass es sich bei der EU-ARK um den europäischen Arm des amerikanischen Verbandes US-ARK handelt, der vor allem die Interessen der amerikanischen Großhändler und Importeure vertritt. Denn da geht es um ein großes Geschäft und sonst nichts, auch wenn der Name US-ARK noch so schön mit dem Bild der Arche Noah spielt (ark=engl. Arche).
In einem Brief an das amerikanische Repräsentantenhaus gegen die geplanten Importbeschränkungen von invasiven Arten wird auch ganz klar mit diesem Pfund gewuchert, denn die amerikanische Gesetzgebung tut sich erfahrungsgemäß schwer mit Gesetzen, die ökonomische Auswirkungen haben. Um das geplante Gesetz gegen Faunenverfälschung aufzuhalten, werden Zahlen genannt, die erschreckend sind. Der Umsatz der Branche wird mit 2 Milliarden Dollar jährlich angegeben. Nach Aussage des Verbandes seien davon 82 % mit artgeschützten Tieren (CITES-Arten) erwirtschaftet worden und als weltgrößter Importeur würden die Vereinigten Staaten pro Jahr 2,5 Millionen Reptilien importieren, wobei inzwischen jeder 25. US-Haushalt ein Reptil besäße (US-ARK o.J.).
Ist es wirklich das, wofür man im Jahr 2012 noch immer kämpfen soll? Massenimporte, damit auch jeder Laie ein schickes exotisches Haustier haben kann? Doch es kommt noch schlimmer, im Infoblatt steht weiter: „Die DGHT unterstützt die wichtige Lobbyarbeit in Brüssel künftig durch die Teilnahme an Veranstaltungen und einen finanziellen Beitrag … Ansprechpartner in Deutschland: Hans-Dieter Philippen“ (Mendt 2012). Da stellt sich die Frage, hat man sich ungeprüft vor den falschen Karren spannen lassen oder sind die im Facebook der DGHT unter dem Porträt des 1. Vorsitzenden zu lesenden betroffenheitsgeschwängerten Worte zur Ausstrahlung der ZDF-Dokumentation „Die Reptilien-Mafia“ nur ein Lippenbekenntnis der DGHT? Zumindest zurzeit ist die sehenswerte Dokumentation übrigens noch in der Mediathek des ZDF abspielbar: www.zdf.de/ZDFmediathek.
Als Antwort auf die Ergebnisse von Lyons & Natusch (2011) fordert Pernetta (2012) im Editorial der Zeitschrift Biological Conservation ein Umdenken der „Konsumenten“, weg von Preis orientiertem Kaufverhalten, hin zu Artenschutz orientiertem Kaufverhalten. Es sollte auch langsam beim DGHT-Vorstand angekommen sein, mit welch brutalen Mitteln die Reptilien-Industrie in den Ursprungsländern mit den Ressourcen sowie auch mit den dort lebenden Menschen umgeht. Ob eine finanzielle Unterstützung dieser Vereinigung tatsächlich im Sinne der Beitrag zahlenden Mitglieder ist, ist fraglich.

Literatur

Siehe PDF-Datei

Authors

Thomas & : Sabine Vinke
E-Mail: S-T-Vinke@gmx.de


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