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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 30.06.2013 Share it on Facebook


Scope, A., I. Schwendenwein & G. Schauberger(2013): Characterization and quantification of the influence of season and gender on plasma chemistries of Hermann's tortoises (Testudo hermanni, Gmelin 1789). – Research in Veterinary Science 95 (1): 59–68.

Charakterisierung und Quantifizierung der Einflüsse von Jahreszeit und Geschlecht auf die Plasmachemie bei der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni, Gmelin 1789).


Die vorliegende Studie ist die erste, die während zweier Sommer die Plasmachemie bei einer Gruppe von 30 Griechischen Landschildkröten aufzeichnet, um eine Charakterisierung und Quantifizierung der Einflüsse von Saison und Geschlecht zu erarbeiten. Die nachfolgenden Plasmabestandteile wurden analysiert: ALT, ALP, AST, BA, CA, CHO, CK, LDH, GLU, GLDH, P, TP, TRIG, Harnstoff und Harnsäure. Eine Zweiwege ANOVA mit Messwiederholung, Durchschnittswerte und Konfidenzintervalle wurden eingesetzt und kalkuliert. Im Gesamtüberblick zeigten sich distinkte Muster und auch einige unerwartete Ergebnisse in Bezug auf die Veränderungen bei den routinemäßig erfassten plasmabiochemischen Werten, die sowohl durch die Jahreszeit als auch durch das Geschlecht beeinflusst wurden. TRIG, CHO, CA und P waren bei den Weibchen signifikant höher. AST, ALT, BA, LDH und GLDH zeigten bei den Männchen in der Mitte des Sommers einen Anstieg. Für die ALP ergaben sich signifikante und in Bezug auf die Saison und das Geschlecht analoge Schwankungen bei beiden Geschlechtern. Die GLU zeigte während der Sommermitte einen moderaten Anstieg. Die Harnsäure- und Harnstoffkonzentrationen zeigten signifikante saisonale Unterschiede. Für einige der Analysate konnten angepasste Verlaufskurven errechnet werden, die deren saisonalen Verlauf beschreiben.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Der Abstract hört sich unspektakulär an und beschreibt eigentlich nur die Erstellung eines großen Blutbilds für Griechische Landschildkröten. Zudem will ich hier auch nicht die ganzen Abkürzungen erläutern, denn die stehen ausgeschrieben in zahlreichen Tabellen und Graphiken dieser Arbeit und sie entsprechen ja im Wesentlichen den Begriffen, die sich auch in einem menschlichen großen Blutbild finden, sodass Sie das dort auch nachschlagen können. Dennoch ist die Arbeit für Sie interessant und ich möchte die Ergebnisse hier erläutern. Es wurden über zwei Jahre hinweg 15 weibliche und 15 männliche adulte Landschildkröten (Körpergewichte 1–2,3 kg) untersucht, die etwa 30 km südlich von Wien in einem 1000 m2 Gehege gehalten werden, und zwar beginnend mit dem Erwachen aus der Winterruhe, darauf folgend in Abständen von 5–6 Wochen über die gesamte Aktivitätszeit (7 Messpunkte pro Saison) hinweg. Die Autoren beschreiben im Methodenteil, dass einige der im ersten Jahr gemessenen Werte so ungewöhnlich waren, dass man sich direkt entschloss, die ganze Reihe im Nachfolgejahr zu wiederholen, um zu prüfen, ob das so normal sein kann! Wie den vielen Tabellen zu entnehmen ist, waren diese Schwankungen normal, und ich möchte hier schon einige Veterinäre/innen daran erinnern, dass wechselwarme Schildkröten keine homöothermen Säuger oder Vögel darstellen und deshalb wahrscheinlich auch mit wesentlich anderen Blutparameterkonzentrationen zu rechnen ist (siehe auch Tabellenanhang in Mader 2006). Also bitte nicht gleich alles als unnormal, pathologisch oder gar schon dem Tode geweiht diagnostizieren, was bei Reptilien vom Normalblutbild eines Säugers abweicht. Letzteres ist durchaus ernst gemeint, denn was man manchmal so an weitergeleiteten Diagnosen von den betroffenen Haltern/innen vorgelegt oder berichtet bekommt, spricht Bände! Ja es soll sogar in einer deutschen Universitätstierklinik vorgekommen sein, dass man aufgrund der Blutwerte das Einschläfern der angeblich todkranken Schildkröte empfohlen hat, was die Besitzerin zum Glück abgelehnt hatte, denn die Schildkröte trug lediglich Eier, die sie auch 2 Tage später ablegte, woraufhin sie sich danach wieder normal verhielt. Deshalb finde ich diese Arbeit auch so hilfreich, zum einen für die Veterinäre, die solche Befunde zu interpretieren haben, wie auch zum anderen für diejenigen Halter, die nachschauen wollen, ob die Werte wirklich schon so pathologisch sind, dass die Diagnose „am besten gleich einschläfern“ wirklich gerechtfertigt ist. Sicher, auch in dieser Arbeit fällt es den Autoren schwer, aufgrund der geschlechtsabhängigen und saisonabhängigen Schwankungen klare eindeutige Diagnosekriterien für eine Erkrankung anzugeben, aber wer geht schon davon aus, dass alles einfach und über einen Kamm zu scheren sei. Man kann aber, wenn man bereit ist Erfahrung zu sammeln und etwas Willen zum eigenständigen Denken hat, daraus lernen, die richtigen Fragen bei der Anamnese zu stellen oder durch zusätzliche Untersuchungen wie die Feststellung des Status der Follikelreifung oder Eireifung dazu kommen, die Befunde richtig einzuordnen. Wer an der Vielfalt des Lebens verzweifelt, hat die falsche Profession gewählt, denn wer geht schon ernsthaft davon aus dass die physiologisch-biochemischen Abläufe in lebenden Organismen so eindeutig und einfach wie die aufgeführten formalen Analysen in einem Lehrbuch der anorganischen Chemie ablaufen würden? Der Vorteil formal ablaufender Reaktionen ist der, dass man oftmals damit auskommt, die Formeln auswendig gelernt zu haben, ohne das es notwendig ist, sie auch verstanden zu haben oder gar eigenständig nachdenken zu müssen… Was bleibt, wäre immer noch solch eine Untersuchung auch im angestammten Lebensraum der Tiere sprich in Griechenland, Bulgarien oder Italien durchzuführen, um einen Vergleich zu haben, wie solche Werte mit jenen aus der Schildkrötenfreilandhaltung in nördlicheren Breiten übereinstimmen. Es könnte ja sogar so sein, dass ein Teil der Schwankungen im natürlichen Lebensraum wegfallen würde, weil die Schildkröten aufgrund besserer Thermoregulationsmöglichkeiten (siehe McMaster & Downs 2013) ihre Blutparameter wesentlich konstanter und jenen der homöothermen Vögel vergleichbarer halten könnten, als in den kühleren und thermisch instabileren nördlichen Breiten. Dass allerdings bei Schildkröten in semiariden oder ariden Lebensräumen mit erhöhten Harnsäurespiegeln zu rechnen ist, sollte jedem auch so einleuchten.

Literatur

Mader, D. R. (2006): Reptile medicine and surgery. 2nd edition. – St. Louis, Missouri (Saunders Elsevier), 1242 S.

McMaster, M. K. & C. T. Downs (2013): Thermal variability in body temperature in an ectotherm: Are cloacal temperatures good indicators of tortoise body temperature? – Journal of Thermal Biology 38: 163–168 oder WiF-Archiv.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus