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02.10.2017

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Siroky, P. & U. Fritz (2007): Is Testudo werneri a distinct species? – Biologica Bratislava, 62: 1-4.

Ist Testudo werneri eine eigenständige Spezies?


Es wurden die Variationen in der Sequenz eines 1066 Basenpaaren langen mtDNS-Fragments (Cytochrom-b-Gen in Teilen benachbart zum tRNS-Thr-Gen) aus vier Proben von Testudo kleinmanni (Tripolitania, Lybien) mit bekannter Fundortlokalität und Proben von vier Testudo werneri (Negev, Israel) miteinander verglichen. Zusätzlich wurden auch fünf Sequenzen von Schildkröten aus dem Tierhandel einbezogen, die T. kleinmanni repräsentieren sollten. Es kamen vier Haplotypen vor, die sich in einem bis vier Mutationsschritten unterschieden. Der häufigste Haplotyp wurde bei allen mit Fundort bekannten T. kleinmanni Proben und bei drei der Proben von T. werneri nachgewiesen. Die Sequenzvariation innerhalb der Nominatspezies und in der vereinigten Gesamtprobe von T. kleinmanni und T. werneri und der Schildkröten aus dem Tierhandel ist die niedrigste bekannte Variabilität für alle bislang untersuchten Testudo Spezies. Wir schließen daraus, dass diese Daten die Validität der Existenz von T. werneri Perälä 2001 nicht unterstützen (bestätigen).

Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Auch hier zeigt sich wieder einmal mehr, dass die phänotypische Anpassung an bestimmte Lebensräume einer Art nicht gleich eine neue Spezies ausmachen und dass die Gene eben eine gewisse phänotypische Plastizität (Anpassung) an bestimmte Lebensräume zulassen, die eben lediglich auf einen lokalen Phänotyp hinweisen, jedoch nicht gleich eine neue Art repräsentieren müssen. Ein Umstand, an den nicht häufig genug erinnert werden kann. Wir wissen doch selbst auch, dass Schlitzaugen, die in früheren Zeiten wahrscheinlich westlich besser vor den Einwirkungen des Wüsten- und Steppenstaubs schützten als große weite Augen nicht gleich eine neue Unterart des modernen Homo sapiens charakterisieren. Vielleicht sind ja sogar die derzeit so favorisierten Vertreter der Gattung Eurotestudo nur phänotypische Varianten, eben europäische Testudo? Allerdings möchte ich auch die molekularen Phylogenetiker einmal daran erinnern, dass man sich heute, um sichere Daten zu erhalten, auch an mehr Genen als nur der Analyse eines Einzigen wie dem Cyt b-Gen orientiert, um wirklich weit reichende zuverlässige Aussagen zu machen! Gerade die vorliegende Arbeit möchte ich aber dennoch aufgreifen, um auch die Systematiker zur Vernunft und zum Überdenken ihres Handelns aufzurufen, denn Übereifer führt langfristig nicht nur zu Verwirrung und „Arten- bzw. Artnameninflation“, sondern auch zu einem erheblichen Problem für die Arterhaltung und den Artenschutz. In den internationalen Zeitschriften Science (Stuart et al. (2006): Scientific description can imperil species. Science 312: 1187; hier wird sogar auf die Beteiligung deutscher Verursacher verwiesen); Courchamp et al. (2006): Rarity value and species extinction: The anthropgenic allee effct. – PLoS Biol. 4: e415 online und Nature (Brook & Sodhi (2006): Rare species have to cope not only with habitat loss, genetic bottlenecks and invasive competitors, but also with a self-reinforcing cycle of human greed. This last threat has now been dragged into spotlight. Nature 444: 555-557) wurde erst jüngst angemahnt, dass gerade die Erst- bzw. Neubeschreibung von Arten diese dadurch bedrohen, dass damit bei Sammlern neue Begehrlichkeiten geweckt werden, die zu hohen Preisen und auch zu verstärktem Schmuggel führen, was nicht selten die Ausplünderung der beschrieben Typus-Lokalität und einen bedrohlichen Rückgang der betroffenen Arten nach sich zieht. (Mich wundert schon, dass von Seiten der DGHT dazu keine offizielle Stellungnahme erfolgte!). Hier sollte man wirklich überlegen ob sich C.I.T.E.S. nicht darauf verständigen sollte, jede Neubeschreibung zumindest temporär auf WA I, Anhang A zu setzen und später, falls sich herausstellen sollte, dass es nicht unbedingt erforderlich ist, die Bestimmungen zu lockern, denn sonst ist der anfängliche Handel ja sogar noch sanktioniert, zumindest bis jemand einen Gefährdungsstatus offiziell feststellt! Ebenso wird auf internationaler Ebene diskutiert ob die Terratypica für Neubeschreibungen überhaupt noch publiziert werden sollen, da anhand von GPS-Coordinaten heute jeder „Wilddieb“ die Standorte ausfindig machen kann). Was neu oder selten ist, ist auch begehrt und entsprechend lukrativ sind die damit verbundenen (auch illegalen) Geschäfte. Nun, Testudo kleinmanni (bzw. Testudo werneri) sind zwar keine ganz neuen aber doch nach den neueren Angaben von Perälä (Perälä (2005): Chelonian Conservation and Biology 4 (4): 891-898 oder WiF-Archiv; Perälä; (2006): Chelonian Conservation and Biology 5 (1): 57-66, oder WiF-Archiv) besonders selten gewordene Arten, insbesondere wenn man daraus auch noch zwei vermeintliche Spezies macht. Die Preise dafür sind auch gestiegen und der Schmuggel aus Libyen (siehe Marginata 4/2006) scheint zuzunehmen (die Überlebenden der 400 Exemplare aus der letzten Beschlagnahme in Italien sollen nun im Zoo Rotterdam erhalten werden). Da fragt man sich schon, macht es Sinn, vorschnell einfach einmal neue Arten zu definieren, ohne wirklich alle Möglichkeiten zur eindeutigen Abklärung ausgeschöpft zu haben? Ebenso müssen wir uns fragen, ob wir dem „börsenkursartigen“ (und ich meine das im zynischen Sinne mal wörtlich, s. u.) Auf und Ab dieser Artbeschreibungen folgen wollen (siehe auch, Stuart & Parham (2007): Conservation Genetics 8 (1): 169-175 oder WiF-Archiv)? Manche unter den (Hobby)Herpetologen sind ja fast schon darauf versessen, jeden neuen Namen gleich unhinterfragt (ja fast unkritisch) zu akzeptieren und wo immer es geht, publik zu machen und zu nutzen – haben da bestimmte Leute mehr kommerzielle als herpetologische Interessen im Hinterkopf? (Selbst wenn man es nur aus persönlichen Gründen macht, um z. B. ein besonders gutes Namensgedächtnis zur Schau zu tragen; kann ich nur betonen: Gute Gedächtnisleistung ist zwar hilfreich, ersetzt aber nicht kritisches Denken und Hinterfragen, und ist schon gar keine Grundvoraussetzung für gute Wissenschaft, gemeint ist hier gute, umfassende, wissenschaftlich systematische Arbeit!). Machen wir uns nichts vor, Tierhandel und Haltung sind nicht nur hehres Hobby, sondern auch Geschäft, und gerade vor diesem Hintergrund sollte man die in den oben zitierten hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften angemahnten Probleme ernst nehmen, was auch bei den wissenschaftlichen Systematikern und Hobbysystematikern zu einem Umdenken führen sollte. Wobei gerade die Hobbysystematiker sich nicht selten durch mangelndes Hinterfragen und vorschnelles Verbreiten angeblich neuer Arten oft beabsichtigt oder unbeabsichtigt zu Handlangern der Geschäftemacher degradieren. Hoffen wir also in diesem Sinne, dass diese Richtigstellung durch Siroky & Fritz zur Arterhaltung beitragen möge, selbst auf die „Gefahr“ hin, dass einige ihre vermeintlichen T. werneri aller Voraussicht nach wieder umbenennen müssen.
Übrigens, wer etwas mehr über die objektive Einschätzung von wissenschaftlicher und Hobbysystematik lesen möchte, dem sei Nature 446 (15. März 2007) empfohlen, das zum 300. Geburtstag von Carl von Linne eine ganze Serie an Artikeln zur Entwicklung und Bedeutung der Systematik präsentiert, wobei in Bezug auf die obige Thematik sicher die Arbeit mit dem Titel: The big name hunters von Interesse sein dürfte.





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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus