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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 25.05.2014 Share it on Facebook


Sung, Y.-H., N. E Karraker & B. C. H. Hau (2013): Demographic Evidence of Illegal Harvesting of an Endangered Asian Turtle. – Conservation Biology 27: 1421–1428.

Der demographische Nachweis des illegalen Absammelns einer bedrohten asiatischen Schildkröte.


Die Beeinträchtigung asiatischer Wasserschildkröten durch das Absammeln ist übermäßig hoch und es kam zu dramatischen Populationsrückgängen, die insbesondere immer noch durch das Absammeln für die Nahrungsmittelmärkte, den Haustierhandel und für die Verwendung in der traditionellen chinesischen Medizin bedingt werden. Die Populationen der Großkopfschildkröte (Platysternon megacephalum) sind über ihr gesamtes Verbreitungsgebiet hinweg substantiell eingebrochen, was insbesondere für China zutrifft, weil hier besonders viele Tiere der Natur entnommen wurden. Um zu verstehen, welche Auswirkungen diese langandauernden Schildkrötenentnahmen für die Populationen der Großkopfschildkröten haben, untersuchten wir an Populationen in Hong Kong, wo es derzeit noch einige Populationen gibt, welche Veränderungen in deren Demographie sich durch die illegalen Tierentnahmen ergeben. Wir benutzten die Markierungswiederfangmethode, um die demographischen Charakteristika zwischen verschiedenen Arealen zu vergleichen, davon einer, in dem abgesammelt wird, und in einem vollständig geschützten Bereich. Orte, für die das illegale Absammeln belegt ist, zeichnen sich durch das Fehlen großer adulter Exemplare und einem verschobenen Verhältnis von juvenilen zu adulten Schildkröten aus, was negative Auswirkungen für das Langzeitüberleben der Art haben kann. Abgesammelte Gebiete wiesen zudem eine niedrigere Häufigkeit an adulten Schildkröten auf und die adulten Schildkröten waren durchweg kleiner, als jene in dem vollständig geschützten Areal. Geht man davon aus, dass die meisten Populationen über das gesamte Verbreitungsgebiet der Art stark abgesammelt werden, wird es immer schwieriger, Tiere innerhalb Chinas zu finden, was dazu führt, dass die illegalen Schildkrötenentnahmen in Hong Kong zu nehmen dürften. Daher erscheint die Langzeitüberwachung der Bestände als unumgänglich, um die Auswirkungen der illegalen Entnahmen auch weiterhin zu erfassen. Ebenso sind mehr Kontrollpatrouillen notwendig, um die illegalen Entnahmen insbesondere aus den Nationalparks, zu minimieren. Da es wenn überhaupt noch nur wenige komplett geschützte Populationen in anderen Regionen geben dürfte, bieten unsere Daten, die wir an der geschützten Population der Großkopfschildkröte erheben konnten, wichtige Referenzdaten, um überhaupt die negativen Konsequenzen dieses Absammelns bei diesen Bachbewohnern untersuchen zu können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit verweist gleich auf mehrere Probleme bei der Beurteilung der Auswirkungen von Tierentnahmen, denn neben den offensichtlichen Auswirkungen wie der abnehmenden Populationsdichte und den Verschiebungen bei den Altersklassen und Adultgrößen zeichnet sich hier schon ab, dass es für stark vom Absammeln betroffene Arten oft keine verlässlichen Vergleichsdaten von noch unbeeinflussten Populationen geben dürfte. Ein Umstand der zumindest heute schon für alle Arten zutrifft, die nur aus dem kommerziellen Tierhandel bekannt sind, und für die man die ursprünglichen Herkunftslokalitäten (Biotope) zum Teil noch nicht einmal kennt oder sie erst zu spät ausfindig machen konnte (siehe z. B. Whitaker & Vijaya 2009, Platt et al. 2011; Spinks et al. 2012). Eigentlich sind das unhaltbare Zustände, und aus der Arbeit von Calame et al. (2013, s. auch den Kommentar) geht klar hervor, dass das, was die Autoren hier angeben, sowohl auf Platysternon megacephalum zutrifft als auch auf andere Spezies außerhalb Chinas, wobei Calame und Kollegen auch sehr deutlich hervorheben, dass die Schildkröten eben nicht von armen, hungernden Personen zum Verzehr gesammelt werden sondern wirklich für den Handel als lukrativer Zusatzverdienst. Angesichts dieser Problematiken ist es doch nur nachvollziehbar, sich wenigstens in Europa und Deutschland gegen Wildfangimporte auszusprechen, um einen eigenen Beitrag zur Abschaffung dieser Zustände zu leisten, und nicht nur immer Schutzmaßnahmen bei anderen vor Ort einzufordern. Die negativen Auswirkungen, wie genetische Verarmung der Bestände, verminderte Anpassungsfähigkeit und die Gefährdung der Langzeitüberlebensfähigkeit sind für alle nachvollziehbar erkennbar und gelten auch für jene, die damit argumentieren, dass diese Gebieten so groß und zum Teil so unzugänglich sind, dass man davon ausgehen kann dass es dort immer noch überlebensfähige Populationen gibt, die man eben nur nicht kennt, und deshalb eine Art als bedroht einstuft, weil sie in den bekannt gewordenen Lebensräumen bedroht ist. Letzteres mag zwar auf die eine oder andere Spezies zutreffen, aber was ohne solche strikten Verbote passiert, erleben wir ja nur allzu oft, wie besonders schön durch die Arbeit von Platt et al. (2011) dargelegt wird. Deshalb publizieren ja manche Wissenschaftler keine Fundortdaten mehr oder argumentieren selbst bei CITES dafür, dass man eigentlich jede neu entdeckte Art sofort in die höchste Schutzkategorie einstufen sollte, von wo aus sie erst später zurückgestuft werden könnte falls sich herausstellt, dass dies gerechtfertigt wäre, denn heute sind ja neu beschriebene Spezies oft schneller an den Rand der Überlebensfähigkeit gebracht, als dass man ihnen einen Schutzstatus zuweisen kann (Stuart et al. 2006, siehe auch Kommentar zu Siroky & Fritz 2007). Und gerade diese Neubeschreibungen zeigen ja, welche Rolle der Heimtierhandel bei den weltweiten Sammlern spielt, denn für neu beschriebene Arten gibt es bezüglich der Verfolgung zur Nahrungsaufnahme keinen Grund, warum die Entnahmen so drastisch ansteigen. Wenn wir langfristig durch überzeugendes Auftreten, unser Hobby und unsere Interessen in Bezug zur privaten Wildtierhaltung oder Exotenhaltung in Deutschland und auch in Europa sichern wollen, müssen wir jetzt entsprechende Schritte einleiten. Auch in der Arterhaltungsbiologie geht die Forschung weiter, genauso wie in der Gentechnik, denn wer vor vielleicht 10–12 Jahren noch dachte „Bis die mal so weit sind, dass damit Mutterschafts- bzw. Vaterschaftstest bei Heimtieren durchgeführt werden…“, der erlebt heute schon die ersten Gerichtsverfahren, bei denen sie Berücksichtigung finden (z.b. Mucci et al. 2014, Schneeweiß et al. 2014). Wie gesagt wissenschaftlicher Fortschritt und dessen multimediale Verbreitung schreiten weiter voran und werden die gesellschaftlichen und politischen Diskussionen sowohl zum Artenschutz als auch zum Tierschutz weiterhin in immer größerem Maße beflügeln. Sich dieser Situation auch zukünftig verantwortungsvoll zu stellen, bedeutet, dass wir heute schon die Weichen richtig stellen und die sich bietenden Chancen (siehe Kommentar zu Hennessy 2013) nutzen müssen, anstatt sie durch zweifelhaftes, unglaubwürdig wirkendes Verhalten zu verspielen.

Literatur

Hennessy, E. (2013): Producing ‘prehistoric’ life: Conservation breeding and the remaking of wildlife genealogies. – Geoforum 49: 71–80 oder WiF-Archiv
.

Mucci, N., C. Mengoni & E. Randi (2014): Wildlife DNA forensics against crime: Resolution of a case of tortoise theft. – Forensic Science International: Genetics. 8 (1): 200–202 oder SiF 2/2014.

Platt, S. G., T. Swe, W. Ko, K. Platt, K. M. Myo, T. R. Rainwater & D. Emmett (2011): Geochelone platynota (Blyth 1863) – Burmese Star Tortoise, Kye Leik. – Chelonian Research Monographs 5, doi 10.3854/crm.5.057.platynota.vl.2011. oder WiF-Archiv
.

Schneeweiss, N., J. Hintzmann, J. Lippert, M. Stein & B. Thiesmeier (2014): Amphibien- und Reptilienhandel als Gefährdungsfaktor für heimische Populationen. – Zeitschrift für Feldherpetologie 21: 101–120 oder SiF 2/2014.

Siroky, P. & U. Fritz (2007): Is Testudo werneri a distinct species? – Biologica Bratislava 62: 1–4 oder WiF-Archiv.

Spinks, P. Q., R. C. Thomson, Y. P. Zhang, J. Che, Y. Wu & H. B. Shaffer (2012): Species boundaries and phylogenetic relationships in the critically endangered Asian box turtle genus Cuora. – Molecular Phylogenetics and Evolution: 63: 656–667 oder WiF-Archiv.

Stuart, B. L., A. G. J. Rhodin, L. L. Grismer & T. Hansel (2006): Scientific description can imperil species. – Science 312: 1137.

Whitaker, N. & J. Vijaya (2009): Biology of the Forest Cane Turtle, Vijayachelys silvatica, in South India. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 109-115. Oder WiF-Archiv.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus